Die Stille und ihre Aufgabe meditativen Lesens

Gedanken über das, was wir nicht wahrnehmen

Bisher noch unbewegt schreitet unser Blick oft nur gedankenverloren durch die Begriffe, die uns zwischen poetischen Peitschen mit schöngedachten oder trauerlich vertrösteten Perspektiven niedergeschrieben wurden. Ihr Klang holt uns ein, er betrachtet uns von einem federdurchwühlten Blatt aus, dessen Rückseite nicht weniger von poetischer Zärtlichkeit durchdacht wurde. Erst wenn das Blatt seine Wendung nimmt, wir auf ein Relief von Begriffen starren, erschwingt sich uns ein Bild des großen Ganzen, dass da gemeinsam mit Tintenblut durch die gepresste Zeilenstruktur, wie Adern, strömt.

Was genau also macht das meditative Lesen gegenüber dem generischen Informationserspähen nun aus? Einfach ausgedrückt entgeht uns beim normalen Lesen die Ruhe, eher gesagt die positive Stille, die intentionell vom Text ausströmt. Dadurch wird häufig eine Barriere dem meditativen Lesen gegenüber errichtet; Lesen wird zu einem Mechanismus der Informationsbeschaffung oder zu einer Multitasking-Disziplin, nicht jedoch zu einem mentalen Rückzug, der aber gegenüber der zunehmend reizbeschallenden, allgegenwärtigen Kommunikation genutzt werden könnte und obendrein nicht einmal räumlich gebunden ist (Erfahre, wie mentale und reale Räume die Wirksamkeit von Meditation untergründen). Ähnlich kritisch verhält es sich mit der Musik, die wir nutzen, um dem Alltagslärm, auf dem Weg zu Arbeit oder Bildung, zu entkommen – am Ziel vertiefen sich viele der Betroffenen in einfachen Leseaufgaben, finden jedoch keinen Zugang zu deren meditativen Eigenschaften oder erweiternden Informationsebenen (Online-Rechercheverhalten Jugendlicher (AT)). Natürlich ist nicht jeder Bericht ein Medium meditativen Lesens oder kann als solches schönverstanden werden (Lesen ist nicht gleich Lesen), denn Konzentration zum strukturellen Vertiefen und Erleben eines Mediums, was beim Lesen leichter interaktiver und zugänglicher zu gestalten ist, als beim ungünstig zu entschleunigenden Filmgenuss, wird durch Inspiration geschaffen. Und nicht jeder Text zündet gleich, wenn ihm keine Textintimität beigeschrieben wurde, die Leser:innen aller Welten gleichermaßen und auf einer intuitiven Ebene versucht anzusprechen. Vorbereitend zum Empfang ist außerdem eine gewisse Sensibilität gegenüber der Stille-Wahrnehmung erforderlich und ein geschultes Level in dessen Betrachtung.

Stille und Meditation im Relief der Buchstaben

Doch selbst bei einem großen Angebot meditationsstiftender Schriften, weicht die Nachfrage aus und bedient sich für künstliche Ruhe – nicht positiver Stille – an den reizüberfrachtenden Medien. Es kommt bald so vor, als wöllte sich das Ohr stumpf hören und das Auge blind fressen, um alle Gedanken zu blockieren, die in positive, reflektierende Stille bewegen könnten; herrscht Angst darüber, beim andauernden Relfektieren eine Identität zu entwickeln, die aus sozialen Konstrukten reißt? Entsteht uns beim Ablehnen sozialer Zwänge ein Verlustrisiko über das passive Einkommen sozialer Stimulation? Vertrocknet die Bedürfniskammer unserer Grundbedürfnisse? Genau wie der Angstpatient beim Zahnarzt, haben die meisten Menschen ein großes Problem damit, Therapien in ihrem Leben zu begrüßen, weil dies für eine Veränderung in ihren Gewohnheiten sorgt. Doch müsste in der Theorie  eine kurze Stille eigentlich leicht ertragbar sein, solange sie keinen erziehenden Charakter besitzt, könnte man meinen. Es ist also auch zu klären, bis zu welchem Grad diese Stille erziehend wirkt.

"Angst vor Stille": Problem des Einsatzes von MML für die Persönlichkeitsentwicklung

Stille und Meditation mit Störer

Warum also fürchten wir uns vor der Stille? Warum nehmen wir sie als etwas unangenehmes und Schweres wahr, wenn sie wie ein Windhauch an uns vorbeizieht und sich bloß in der Leere breit macht? Um diesen Fragen in einem erklärenden Ansatz näher zu kommen, müssen wir zunächst exkursieren, über die sozialisierende Stille; im Begriff der Abwesenheit von Interaktion oder (deren) Wahrnehmung.  Denn neben den omnikulturell und intersubjektiv belegten Empfindungen, die der Stille gebühren, soll besonders der Frage nachgegangen werden, inwiefern und ob Stille ein Akteur:in, ein Instrument oder ein Medium für die Sozialisation sein kann, ohne dafür hauptsächlich in die Prozesse der Körpersozialisation, die unter Bourdieu auch als „stille Pädagogik“ bekannt sind, zu vertiefen, sondern vorwiegend im begrifflichen Rahmen der interaktions-, oder ausdruckslosen Stille zu thesieren, damit wir das stille Medium meditativen Lesens (MML) begriffserschließend machen können.

Was bedeuten "positive" und "negative" Stille?

Die Stille beschreibt in der Kommunikation die hervorgerufene Abwesenheit jeglicher Interaktion oder (deren) Wahrnehmung, sowohl bei verbalem als auch nonverbalem Ausdruck. Synonym ließe sich also von angehaltener Interaktion sprechen. Doch auch bezüglich wahrgenommener Reflexion drückt der Begriff eine Bewegungs- und Geräuschlosigkeit aus. Dabei lässt sich zwischen positiver und negativer Stille unterscheiden. Positive Stille ist insofern wichtig, damit eine Pause zum Reflektieren überfährt und die Interaktions- und Informationsaufnahme- in eine Verarbeitungsphase fließt. Die Pädagogik geht davon aus, dass diese Form als Rückzug dient, in dem effektiv, weil konzentriert Lernerfolge (automatisch) förderlich erwirkt werden.

Zudem erfordert spirituelles Denken, meditative Achtsamkeit und jegliches Empfinden von entspannenden oder erwünschten reflektierenden Bewusstseinszuständen eine grundlegende positive Stille. Stille kann jedoch durch einen interaktiven Störer, wie einer aggressiv empfundenen Reflexion oder einem ungeduldig eingeworfenen Gesprächsbeitrag, negativ hervorgerufen werden. Diese angenommene Begriffswertung beruht unter anderem auf den Ergebnissen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, denen nach eine Stressresistenz gegenüber Lärm nicht angewöhnt werden kann.

Die negative Stille in Verbindung mit ihren eigenen sozialen Zwangswelten

Werden Betroffene während einer Interaktion mit oder durch den Störer zum unmittelbaren Reflektieren gezwungen, entsteht mental isolierende Stille, in der seine Wahrnehmung der fortlaufenden Interaktion unterdrückt und innere Prozesse angestoßen werden; Betroffene werden interaktionsblind und befindet sich entweder, je nach ihrer Sozialisation und ihrem Habitus, in einem unerwünschten beziehungsweise unfreien Reflektionswillen oder einer Haltung, die dem Auslöser gegenüber Abwertung hegt. Als Voraussetzung dieser interaktiv eingestellten inneren Prozesse gilt eine Erwiderungsmöglichkeit, mit welcher Betroffene ihre Prozessergebnisse und dadurch eine Abwehr oder Annahme des Störers geltend machen, aber auch dessen Neutralisierung erwirken können. Doch auch erstörte Stille bedingt keinen ununterbrochenen Reflektionsprozess; fehlen den Gestörten Informationen, mit denen sie eine abgeschlossene oder unterbrochene Interaktion schlüssig verarbeiten könnten (wie es gerade bei letzterem häufig vorkommt), löst die Stille eine gewisse Unruhe und das einhergehende Bedürfnis aus, sich aus ihr zu befreien und den Informationsdrang schlüssig zu stillen.

Stille und Meditation in eigenen Zwangswelten

Wo und wann ist die erziehende Stille eine Akteur:in?

Wenn beim Lesen geschriebene Worte, die einer körperlosen Seele als lebendige Begriffe entspringen, Stille im Leser:innenbewusstsein auslösen, dann spricht die Seele über Stille und flößt ihre Wahrheiten und Betrachtungen ein – eine Persönlichkeit, die ihren Selbsterhaltungsdrang ausdrückt und nebenbei (mindestens im Ansatz) über ihre sozialen Zwänge  und Normen unterrichtet, aus denen sie entstanden ist. Lebendig ist sie dann außerdem, weil sich das weitergegebene Verständnis über sie in der Aufnahme von anderen stillen Persönlichkeiten verändert.

Infografik: Stille und Erinnerung als Teil meditativen Lesens

Darin unterscheidet sich diese Stille von der Erinnerung, welche aufgrund ihrer nicht zu transportierenden und absoluten Emotionen wahrhaftig nur in einer unstillen Persönlichkeit fortbestehen kann. Die Stille aber hat nicht zur Absicht, als vollkommenes Bild wahrgenommen, sondern als Sprecher und Gesprächspartner für andere stille Persönlichkeiten enttarnt zu werden. Dabei mag es durchaus vorkommen, dass diese Persönlichkeiten von Erinnerungen berichten, diese jedoch nicht mit dem Anstoß einer relativen Emotion zu erkennen geben oder in fremden Köpfen nachbilden können.

Genauso ergeht es Gesprächsparter:innen, wenn sie mit Menschen sprechen, die über Stille kommunizieren und dem Wesen deren inneren Stille die Handlung der Gesprächsführung übergeben. Die Personen stellen eine Art Spiegel dar, über den die Gesprächspartner:innen sich selbst und ihre Sprache, damit auch ihr Denken und ihre Fragen konfrontiert sehen, die sie eigentlich an den stillen Sprecher gestellt hatten. Nun könnte man meinen, diese Stille ist weniger ein Akteur, aber vielmehr ein Instrument der bewussten Person; die Eigenschaften des Instruments selbst aber ließen sich vorwiegend dem Medium meditativen Lesens (MML) zuordnen. Stille ist auf dieser Ebene also weniger als objektiver Kanal oder für andere Betrachtungen als Mauer zu sehen, sondern als selbstbewusste und ausgebildete Persönlichkeit einer menschlichen Existenz, da sie gesellschaftlich ein eigenes Wirkungsfeld bezieht.

Sozialisierender Aspekt stiller Akteur:innen und deren Persönlichkeiten

Die Stille-Persönlichkeit definiert sich zunächst dadurch, dass sie sich als Abwesenheit jeglicher Interaktion all ihrer nicht-existenten körperlichen, handlungsfähigen Gefäße ausdrückt. Pränatal und postmortal entstehen demnach Wahrnehmungen der Stille in materiellen Existenzen; besteht der Wunsch nach einem Kind, beginnt dessen Stille bereits mit den Wunscheltern zu flüstern, haben Eltern ihr Kind physisch verloren, sitzt ihnen dessen ausgebildete Stille ewig positiv oder negativ auf – der Antinatalismus beispielsweise zielt darauf ab, dieses unerschöpflich stille Kollektiv rein zu präservieren und damit jegliche Verantwortung an die Nicht-Existenz auszulagern. In dieser Stille nabelt der bewusste Verstand und aus ihr nimmt der Mensch neben epi- und genetischen Eigenschaften alle Vorbereitung für ein belärmtes Leben, einen harten Dualismus, mit. Genau wie die bewusste beziehungsweise lärmende Persönlichkeit ist diese stille Abwesenheit verantwortlich für ihre Wirkung zu machen und die Konsequenzen ihrer Persönlichkeit zuzuordnen. Die Gefühle um den unerfüllten Kinderwunsch beispielsweise sind dabei sozialisierender Natur und die körperlose Stille-Persönlichkeit erhält ihre derzeit wahrnehmbare Form durch die zeitgenössischen Elemente sozialer Zwänge, ähnlich einem Schönheitsideal.

Kinder sind aufgrund der Nähe zu ihrer pränatalen Exsistenz auf ein durchaus tiefkonzentriertes Explorationsverhalten geschaltet, welches zwar regelmäßiger abbricht als mit trainierter Konzentration, sie sind dennoch in der Lage, sich von Störern einfach zu befreien, indem sie die volle Kontrolle über intuitives Engagement ihrer Stille-Persönlichkeit übergeben. Die sozialen Normen der Stille lassen sich damit grundsätzlich mit einem Erreichen des Idealzustands, in der Balance zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein beschreiben, durch das ein Verstand sich aus seinem Dualismus befreit und frei zwischen den Grenzen, einklängig die Zeit- und Größenlosigkeit seiner Individualität begreift. Aufgrund der geburtsgepolten und existenziellen Bedürfnisse nach sozialer Geltung, suchen Kinder dennoch natürlicherweise besonders intensiv nach Aufmerksamkeit mindestens einer Bezugsperson. Der Lerneffekt, der durch die Kommunikation mit der Stille-Persönlichkeit einhergehen würde, steht also mit dem Lerneffekt in Konflikt, welcher memetisches Begreifen fördert. Dadurch bildet sich höchstwahrscheinlich die Ambivalenz in der Wahrnehmung gegenüber Stille.

Stille Sozialisation im Frühkindlichen und im Alltag

Die Beobachtung über das konzentrierte Explorationsverhalten stützt die Annahme, dass der stille Nabel der Geburt, dem Verstand einen Zugang zur Nicht-Existenz oder einer unbewusst-bewussten Existenz erhält. Nach diesem Verständnis, müsste sich jedes Geschöpf mit einem mangelnden Selbstwusstsein noch stärker als Stille-Persönlichkeit ausdrücken oder hauptsächlich von ihr gesteuert werden können. Mit diesem tierischen Bezug und als verhaltensbeschreibende Metaphorik ist daher auch der Begriff „Schwarzer Flamingo“ zu bewerten. Dabei handelt es sich um die plattformausbreitende Anerkennung einer Stille-Persönlichkeit, welche sich über ihre urnabelnde, dualistische Poesie auszudrücken verlangt.

Als erzieherisches Ergebnis im Frühstadium der Entwicklung einer individuellen Stille-Persönlichkeit, die sich an beispielsweise  vorgelesenen MMLs zu gewöhnen scheint, ist die Toleranz der Stille eine erste Folge der Wirkungsmittel stiller Sozialisierung.  Auf Stille muss aufgrund ihrer potentiellen Allgegenwärtigkeit handlungs- oder mentalorientiert in irgendeiner Form reagiert werden. Das Reaktionsausmaß und dessen Form richtet sich nach der Situation, welche die Stille aufdeckt und nach der bisher erfolgten stillen Sozialisation und der damit in Verbindung stehenden Toleranz und dem Erfahrungsmaß gegenüber der Stille. Um sich aus der Passivierung zu befreien, übernimmt die aktive Stille verschiedene sozialisierende Aufgaben und Reaktionen, wie sie auch eine normale Persönlichkeit zu verantworten hat. 

Durch wahrgenommene Anwesenheit der Stille können Werte hinterfragt werden, die zuvor durch lärmende Normen den Bewussten bombardierten. Einige Studien zum Einsatz von Musik in Supermärkten und anderen Rauscherfahrungen stimulierender Kaufanreize, nach denen Konsumbereitschaft durch Reizüberflutung nachweislich gesteigert wird, geben Aufschluss darüber, wie überladende Reize den Verstand blockieren und in einen durch verzweifelte Handlung ausgedrückten Befreiungsdrang führen. Frei werden Betroffene jedoch erst, wenn er seinen Drang  mit seiner Stille-Persönlichkeit reflektiert und somit eine gelungene stille Sozialisation sichtbar machen kann.

Wird die Reflektion als negativ empfunden, ist die Stille-Toleranz auf einem unterdurchschnittlichen Level ausgeprägt und fehlt damit der Vergleich zwischen sozialen Zwängen und der stillen Norm, aus der sich die tatsächliche Bedürftigkeit der geplanten Handlung ableiten lässt, entscheiden Betroffene nach einer misslungenen stillen Sozialisation.

Stille und Meditation in verblendeter Persönlichkeit

Ein Grund für eine geringe Toleranz könnte die ständige Reizüberfrachtung sein, nach der sich ein ungleichgewichtige Stimulationssucht ausbildet und dafür sorgt, dass eine wahrgenommenen Abwesenheit von Interaktion lediglich als Blockade verstanden wird; für die lärmende Stimulation, mit der verreizte Belohnungssystem und dessen Bedürfnisse gestillt werden können. Diese nicht geschätzte Stille wird in den Betroffenen mit wenigen Sinneseindrücken und Empfindungen definiert, der Zeitraum der interaktiven Abwesenheit als geistiger Leerlauf missachtet und entsprechend als Erfahrung übersprungen. Daraus ergibt sich zum einen das Problem, dass lediglich eine Kette an überreizenden Erfahrungen abrufbar ist, sich somit die Betroffenen nur an ein Leben voller Stress erinnern, und dass sich die Ablehnung gegenüber der Stille-Persönlichkeit festigt.

Wie nutzten stille Akteur:innen ein MML?

Kurzgesagt, sie erhalten sich über es. Denn Stille bietet Raum für Fantasie. Wenn eine Person einen leeren Tisch sieht, liegt es nahe, sich ihn belebt vorzustellen und darüber im Sinne des Kommunikationsdesigns nachzudenken, welche Welten ihn umgeben würden, anderorts oder zu anderer Zeit. In diesem Raum liegt die Seele des Akteurs nicht begraben, wie es durch eine materielle Beerdigung versucht wird. Über dieses Ritual beispielsweise soll sowohl dem physisch verstorbenen und den stillen Akteur:innen ihre letzte Ruhe geben werden; in den MMLs jedoch lebt die Stille-Persönlichkeit weiter und wird geduldig, um Leser:innen sich mitzuteilen.

In vielen Weltreligionen ist das Lesen heiliger Schriften mit meditativen Praktiken verbunden oder wird als solche wahrgenommen. Hier gilt die Heiligkeit nicht der Schrift, sondern den verschmolzenen und gegenseitig sozialisierten Seelen respektiv einer übermenschlichen Seele, die als Stille sich über Kopien der MML verbreitet. Die Unsterblichkeit von Autoren wirkt rückbetrachtend nach diesem Ansatz so banal und doch steckt in ihr eine vollkommen eigene und deutlich lebendigere Welt, als aufgrund der Verblendung darüber, was diese abstrakte Unsterblichkeit bedeutet, angenommen wird. Um also wahrlich ein MML sprechen zu lassen, wie eine Art geführte Meditation, darf nicht von einer Unsterblichkeit des Autors, sondern der Lebendigkeit seiner stillen Persönlichkeit auszugehen sein.

Zusammenfassung der Fragestellung zur Stille

Warum uns also eine unterschiedlich ausgeprägte Angst vor der Stille im Alltag und auch beim Lesen begegnet, lässt sich demnach mit der Angst vor einem Kontrollverlust gleichsetzen; also die Angst davor, die Kontrolle an den stillen Akteuren abzugeben. Genauer gesagt, Angst davor, den angestrebten und mit Bildung vorbereiteten Pfad sozialer Ebenen im Medium der Stille zu verlieren, indem ein Bewusstsein die Kontrolle an den stillen Charakter verlör.

Ein innerer Konflikt zwischen den verschiedenen Bereichen des Bewusstseins sorgt dafür, dass die Stimme der Stille unterdrückt mit ihm spricht und bewusste Persönlichkeiten über das Unterbewusstsein lediglich wortlose Fetzen zugeworfen bekommen, die dann als gesamte Kapazität der Intuition ausmacht werden.

Die individuelle Stille-Persönlichkeit jedoch umspannt das ganze Unterbewusstsein und geht weit darüber hinaus. Selbst untergliedert es sich und das Unterbewusstsein in zwei Wirkungsbereiche, ähnlich der veralteten Dreigewaltigkeit des bewussten Seins (Ich, Es, Über-Ich).  In welcher Konstellation die Stille-Persönlichkeit in und mit dem Menschen funktioniert, soll die folgende Grafik deutlich machen:

Infografik: Stille Wirkungsweise im Instanzenmodell

Auch der stille und unterbewusst entfaltende Charakter umfasst eine eigene Gewaltenteilung seiner psychischen Radikale.  Bei der Stille ist es einmal die dem Habitus entspringende Idolisierung einer Konvergenz zwischen Unterbewusstsein und erzogenem Bewusstsein, ähnlich dem Über-Ich und dessen psychischen Wirkungsfeld angenähert. Auf der anderen Seite komplementiert die stille Intuition, die rückgekoppelt vom bewussten Es angesteuert wird und gemeinsam mit der Stille sich über das Unterbewusstsein ausdrückt. Dabei handelt es sich also um nicht kontrollierbare Gedanken, die zum einen von einem Trieb und einer zweiten Persönlichkeit diskutiert werden und abschließend ihren Weg in das kalkulative Bewusstsein finden.

Die Angst vor der Übernahme der Stille

Um die Frage nach der hinleitender Modellierung der Stille und deren Beobachtung zu präzisieren; warum haben wir Angst davor, uns unserem Unterbewusstsein anzuvertrauen? Haben wir dabei Angst davor, in animalisches Verhalten zu rutschen? In westlichen oder leistungsorientierten Gesellschaften, nach denen emotionale Distanz ein wesentlicher leistungsteigernder Faktor konzentrierten Arbeitens darstellt, gehören die Fähigkeiten, über Stille zu kommunizieren und dieser zuzuhören, zu den üblichen Tabus. Denn dieser innere Charakter der Stille wird uns über die Zeit und Erziehung damit so fremd, dass wir ihm keinen Namen geben können und ihn immer wieder erneut kennenlernen müssen, was uns als verschwenderisch erscheinen mag. Außerdem, ursprünglich ist unser Verstand dem Nabel der Stille entwachsen und da scheint es auch nur natürlich, dass wir versuchen, uns zu physischen Lebzeiten aus ihr zu befreien, wir eine Unabhängigkeit unserer bewussten Persönlichkeit demonstrieren.

Ob wir nun das Unterbewusstsein als still empfinden oder tatsächlich von dem verborgenen Charakter der Stille in uns selbst sprechen, ganz grundsätzlich haben wir Angst vor dieser gesichts- und formlosen Person, bei der wir nur genau wissen, dass sie auf jede Betrachtung eine innige und sehr häufig schmerzhafte, weil ehrliche Wahrheit an uns vordrängt. Die Stille, als Elternteil unserer Seele, spricht über das Unterbewusstsein mit einem intutitiven Verständnis über die Dinge und das bewusste Selbst. Oft schmerzen diese Rückmeldungen aus der geistigen Tiefe so sehr, dass wir per se den Kontakt zu unserer Stille ablehnen und uns lieber an fremde Betrachtungen und Bestätigungen heften. Die Stille nämlich nimmt uns mit ihrer intrinsen Wahrheit das illusionäre Gefühl der Sicherheit, welche beispielsweise unser missgeleitetes Handeln rechtfertigen würde.

Da wir der Stille gezielt durch ablenkende Reize ausweichen können und ihre Sozialisierung vielleicht genau dieses voraussetzt, da sie in existenzvolatilen Umgebungen aktuell keinen Raum zum Entwickeln hat, müssen wir lernen, einen Zugang zu unserer Stille zu erhalten. Wir müssen sie als Person ernst nehmen, da nur über diese Betrachtung ein Gefühl für andere, individuelle Stille-Persönlichkeiten entstehen kann und wir dadurch Zugang zu deren Welt in MMLs finden.

Zwanghafte Stille als Ausdruck der unaufgeklärten Persönlichkeitsentwicklung

Einigen stofflichen Subtanzen schlummert der künstlich und äußerst wirkungsvoll, schnell herbeigeführte Kontakt mit der inneren Stille bei. Werden diese Medikamente, wie einige moderne Opiate, missbräuchlich eingenommen, zeugt dieser Kontakt von einer fremden Zusammenkunft zwischen Stille- und bewusster Persönlichkeit. Beide Charaktere nähern sich in einem konfusen Wechselspiel an und empfinden aneinander eigentlich wenig Austauschmöglichkeiten, sodass der Kontakt ohne Mehrwert auseinandergeht und auf lange Sicht dadurch verbrennt, somit möglicherweise sogar den Zugang zwischeneinander dauerhaft beeinträchtigt.

Meditative Stille und substanzierte Stille

Grund für die zwanghafte Stille durch sedierenden oder betäubenden Missbrauch ist ironisch das, durch Tabuisierung und gipfelndem Drang erbrochene Bedürfnis einer jungen Gesellschaft (vorwiegend GenZ), sich mit der unbekannten Stille-Persönlichkeit auseinanderzusetzen.

Häufig wird beobachtet, dass gerade diese Generation einen, vielleicht auch durch Rebellion gegen ältere Generationen (und durch die digital vernetzte Zugänglichkeit von Überlieferungen) entstandenes kollektives Interesse an Mystik und verborgenem Wissen ausdrückt (organisierte Verschwörungsmythen und alternative Heilkunde).

Wird die Bedürfnislücke also durch Meinungsbildner bekannter Szenen gefüllt, in dieser Generation sind es häufig sogenannte Cloud- und Mumble-Rapper, steigt das Interesse, den Umgang mit innerer Stille zu entabuisieren. Als Influencer beschreiben einige Musiker über ihr Auftreten, die Tonalität und ihre Liedtexte anleitend den Einfluss von Opiaten auf den Einklang zwischen Unterbewusstsein und Bewusstsein. Nahezu delir erreichen sie etwas zwanghaft und medikamentös induziert, was in den Abschnitten zuvor durch ogranische Gedankenbahnen und Meditation herbeigeführt wird. Aufgrund der sozialisierenden Eigenschaft einer Leistungsgesellschaft, in denen diese Musiker sich rasant vermarkten können, sind Bedürfnisse häufig an die Bedingung geknüpft, möglichst zeit- und kostengünstig erfüllt zu werden. Der Stille durch Meditation zu begegnen, ist daher weitaus unattraktiver als sie durch ein Medikament zu erzwingen, auch wenn dies zunächst einen langfristigen Schaden erwirken könne; die Verblendung über kurzfristige Bedürfnissstille obsiegt.

Ein weiterer Grund, der ganz ursprünglich für den missbräuchlichen Umgang verantwortlich zu machen ist, mehr noch als die direkten sozialisatorischen Eigenschaften, ist der Mangel an Persönlichkeitsaufklärung und Selbstreflektionsanleitung, welche eigentlich durch die frühe und weiterführende Bildung bewältigt werden müssten. Darum wäre hier ein Auftrag anzustellen, diese Mängel systematisch und durch einen geeigneten, fachübergreifenden Lehrplan auszugleichen. Um zunächst nicht in absolutistischen Wegweisungen zu enden, dient der Begriff vollkommener Persönlichkeitsentwicklung nicht dazu, einen gleichschaltenden Idealzustand zu erreichen. Er beschreibt in diesem Kontext vielmehr, dass spätestens Jugendlichen eine möglichst ganzheitliche Betrachtungsweise ihrer Persönlichkeit geebnet wird, auf der sie sich selbstbewusst und mit einem Zugang zu ihrer Stille-Persönlichkeit entwickeln können.

Ist Stille lediglich ein illusionär definierter Zustand?

Abschließend ist es genauso möglich, dass es sich sowohl bei der medialen als auch der persönlichen Stille eher um eine illusionäre Abwesenheit von Interaktion handelt. Dadurch, dass unser Kopf ständig mit uns spricht, entsteht das stille Paradoxon, nach dem rein synaptisch betrachtet, keine Stille existieren würde. Da Interaktion vorbereitend bereits gedanklich abläuft und nur geäußert werden muss, wäre die innere Bewegung als relative Stille zu betrachten. Stille würde in diesem Fall höchstens durch Unsichtbarkeit oder Nichtzugänglichkeit der Wahrnehmung von Interaktion definiert. Angenommen wir folgen nun einer soliplistischen Betrachtung, nach der alle Realitäten in uns bewegt werden, würde Stille nicht als Medium existieren, sofern wir sie über Abwesenheiten definieren. Es ist also wichtig, den Begriff der Stille nicht an dem festzumachen, was uns in ihrer Wahrnehmung fehlt, sondern welche inneren Prozesse mit ihr gemeinsam als Akteur, als Medium und als Instrument angestoßen werden können. Egal wie wir unseren inneren Rückzug für uns definieren, bietet er uns Raum, um Meditation wirkungsvoll zu genießen und um von und über uns zu lernen.

Meditative Stille als Illusion?

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